Medizin & Psychologie

Plädoyer für eine neue Medizin

von Dr.med. Elisabeth Höppel, Januar 2017

Die derzeitige Medizin befindet sich immer mehr in einer Sackgasse, Viele Menschen sind unzufrieden mit der rein technischen Ausrichtung und reinen Symptom-Bekämpfung. Es gibt zwar spektakuläre Eingriffe in den operativen Fachgebieten, doch tauchen auch immer mehr chronische Krankheiten auf, und der Gesundheitszustand allgemein verschlechtert sich. Zeit zum Umdenken und für eine mehr ganzheitlichen Blick. Was gibt es für Möglichkeiten, aus den Fehlern zu lernen und neue Wege zu beschreiten? Was ist für eine neue Medizin wichtig?

Einige Jahrzehnte im Arztberuf haben mich ein großes Spektrum der Medizin kennenlernen lassen: das Spezialistentum an einer großen Universitätsklinik, die Basis-Versorgung im kleinen Krankenhaus, die Einschränkungen der kassenärztlichen Praxis und den Versuch, sich mit einer Privatpraxis aus diesen Zwängen zu befreien. 

 

Dominieren des Verstandes

Unter der Dominanz der linke Gehirnhälfte, die analysiert und zergliedert, ist die Medizin derzeit überwiegend technisch ausgerichtet. Was ist machbar, wo ist die schnelle Lösung, der „quick fix“? Für ein Hinterfragen der Ursachen und vor allem der Folgen bleibt weder Zeit noch Interesse. Schnell wieder reparieren und funktionieren, ist die Devise. Ich verwende oft das beispielhafte Bild mit dem leuchtenden Öl-Warnlämpchen und dem Mechaniker, der es nur ausbaut und zerschlägt oder überklebt. Im alten China waren Ärzte dafür da, dafür zu sorgen, dass die Menschen gesund blieben. Bei uns führt Prophylaxe ein Schattendasein. Die Medizin ist wirtschaftlichen Interessen mehr unterworfen, als wir oft wahrhaben möchten. 

 

Warum so viel Absicherung?

Oft habe ich mich gefragt, wieso unsere Medizin so von Angst und Absicherungsdenken geprägt ist und daher häufig unnötige Diagnostik betreibt. In USA ist es verständlicher, weil da dem Arzt eine teure Klage droht. Doch bei uns ist die Rechtssprechung arztfreundlich. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Patient zu wenig mit in die Verantwortung einbezogen wird. Wenn diese ganz beim Arzt lastet, geht er natürlich lieber „auf Nummer sicher“. So wird die Therapie auch schnell zum „Rundumschlag“, nur damit etwas getan ist – unter dem Druck der Erwartungshaltung „sag Du mir, was richtig ist und mache mich wieder gesund“. 

 

Ganzheitliche Betrachtung von Krankheit

Es fehlen wichtige Fragen: Wieso ist dieser Mensch gerade jetzt erkrankt? Was fehlt ihm, dass er krank geworden ist? Was möchte er gewinnen, was er ohne diese Krankheit nicht erfahren hätte? Was versucht der Organismus da gerade wieder in Ordnung zu bringen? Wie kann ich ihn dabei am besten unterstützen? 

Ein einfaches Beispiel ist der Durchfall als Hinweis, dass der Körper etwas loswerden will. Hier nur das Symptom zu unterdrücken und „stopfende“ Mittel zu geben, stört den Reinigungsprozess. 

 

Ganzheitlich heißt, alle Möglichkeiten einzubeziehen, auch die hilfreichen Seiten der Schulmedizin. Es kann eine große Verbesserung der Lebensqualität bedeuten, ein künstliches Hüftgelenk einzusetzen. Jedoch ist da nicht Schluß, da fängt es erst an: Wie hat der Organismus den Schock einer Operation verkraftet, wie kann er das künstliche Teil gut integrieren, und welche Unterstützung braucht das Lymphsystem, wenn es durch die Metalle belastet wird? 

Wir müssen aufhören, alle Erkrankungen gleich zu setzen. Eine akute Krankheit zu unterdrücken, heißt, die Weichen in Richtung chronisch zu stellen. Hier ist die Sichtweise der Homöopathie hilfreich, die alle Krankheiten eines Menschen nicht separat sondern als Teil eines Ganzen betrachtet. 

 

Individuelle und kollektive Tendenzen

Wenn ein Mensch immer mehr chronische körperliche und dazu psychische oder gar geistige Symptome bekommt, zeigt das eine zunehmende Verschlimmerung in der gesamten Entwicklung an. Die Krankheit geht in die Tiefe. 

 

Dies kann man auch beobachten in Bezug auf die ganze Menschheit. Nach dem Zeitalter der Infektionen kamen die chronischen Krankheiten wie Allergien, Krebs und Herz-Kreislauf. Jetzt ist es zunehmend die Depression, der Inbegriff der Unterdrückung. Und in der letzten Zeit scheint immer mehr der „Wahnsinn“, der Befall der geistigen Ebene, um sich zu greifen. 

 

Ganzheitlich bedeutet, die alten Heilkünste zu ehren. Die Schamanen in früheren Zeiten erkannten noch, wie wir in Systeme eingebunden und von diesen beeinflusst werden. Es gab keine Trennung von der Spiritualität. Die Ärzte müssen gemeinsam mit den Patienten auch wieder die „Bewegungen der Seele“ mit einbeziehen. 

Krisen stellen kein Problem dar, das beseitigt werden muss, sondern einen wichtigen Teil des Heilungsprozesses. Um einen Sprung zu tun, muss man vorher in die Knie gehen.
An Kindern kann man es oft beobachten. Wenn man sie ungest
ört durch einen Infekt mit starken Symptomen gehen lässt, sind sie danach oft wie neugeboren und machen große Entwicklungsschritte. 

 

Unsere Konsumgesellschaft führt uns zu Gier und immer mehr haben wollen. So haben wir vergessen, dass ein Kind zu empfangen, neben aller technischen Machbarkeit vor allem ein Geschenk ist. Wir müssen wieder lernen, danke zu sagen. 

 

Regulation und Fließgleichgewicht

„Gesund“ und „krank“ sind starre Begriffe, die dem dynamischen Fließgleichgewicht, der permanenten Regulation zu wenig gerecht werden. Wenn wir uns wieder mehr der Natur zuwenden, können wir sehen und erfahren, wie alles ständig von selber nach Heilung strebt. Dadurch gewinnen wir wiederum mehr Mut und Vertrauen in diese immensen Kräfte des Lebens und können mehr wagen. 

Ganzheitlich heißt auch, weder die Krankheit noch den Tod als Feind zu betrachten und das Leben nicht um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Wir werden heute viel älter, jedoch oft in einem kläglichen Zustand. Wenn das Leben eines Menschen gelebt ist – was nicht nur an der Zahl der Jahre zu messen ist – dann braucht er die Unterstützung, in Frieden und Würde gehen zu können. Ein Beispiel von einer Frau mag hier anschaulich sein. Sie hatte Krebs und starb auch daran. Die Aussicht des bevorstehenden Todes brachte ihr einen tiefen Wandel. Zum Schluß meinte sie, dass sie in diesen letzten Jahren erst gelernt hätte, wirklich zu leben. Man könnte sagen, dass sie doch länger hätte hier bleiben sollen – oder sich fragen, ob es für sie nicht wertvoller war, genau diese Erfahrung zu machen. 

 

Alles ist verwoben

Wir sind eins, so sehr, wie wir es uns gar nicht vorstellen kann. Es übersteigt die Kapazität des normalen Bewusstseins. Die Trennung Körper, Psyche und Geist ist künstlich. Alles durchdringt sich gegenseitig. Jede Erkrankung hat mit allem zu tun.
Wir betrachten es oft so, dass eine Krankheit „seelisch“ ist, wenn sich keine k
örperliche Ursache findet. Mir scheint es eher so zu sein, dass jede Ebene ihre eigenen Symptome hat. Der Körper verfügt über Muskeln, die sich verspannen, wenn Angst da ist. Jemand hat die Nase voll und reagiert physisch mit einer chronischen Sinusitis. Ein anderer kann etwas schwer aushalten und bekommt eine Allergie. Es ist einfach dasselbe, nur auf eine andere Weise ausgedrückt. Die psychischen Anzeichen sind meist feiner und können leichter verdrängt werden als körperliche Beschwerden. 

 

Unsere Medizin steuert geradewegs in eine Sackgasse. Wie könnte es auch anders sein, denn sie ist letztlich nur ein Teil unserer gesamten gesellschaftlichen Entwicklung und dafür symptomatisch. Genauso gehen wir mit unserem wunderbaren Planeten um.
Die Zunahme der Autoimmun- oder Autoaggressions-Krankheiten ist ein deutliches Beispiel. Die Hashimoto Thyreoiditis, vor 30 Jahren noch eine Rarit
ät, ist heute weit verbreitet. Wir haben vergessen, dass wir sind ein Teil unserer Erde sind. Wenn wir sie zerstören, tun wir uns dasselbe an. 

 

Medizin als Wegbereiter in eine neue Zeit?

Es braucht ein Umdenken vom „entweder-oder“ zu einem „sowohl-als auch“.
Die Quantenphysik hat unsere Wissenschaft revolutioniert – und die „alte“ Newton-Physik ist weiterhin g
ültig. Das Bild hat sich einfach erweitert. Nicht das eine ist richtig und das andere falsch, es sind auch hier unterschiedliche Ebenen. Wenn die Erkenntnisse der modernen Physik in die Medizin Einzug halten, wird vieles, was jetzt belächelt oder bezweifelt wird, ganz selbstverständlich sein. Die Frage ist, ob die Medizin mit bei den Wegbereitern für eine neue Ära sein wird. Unser Wohlbefinden ist ein wichtiges Gut. Vielleicht liegt hier eine Chance – im Erkennen, dass wir uns selber krank machen, indem wir unser Ökosystem zerstören. 

 

Die neue Medizin braucht Mitgefühl, Menschlichkeit und Achtsamkeit. So kann sie Grenzen respektieren und sich in den Dienst des Ganzen stellen. Sie verbindet die linke mit der rechten Gehirnhälfte, Logik und Verstand mit Intuition und Feingefühl, die materielle Ebene mit der feinstofflichen und das Detail mit dem Ganzen. Die neuen Ärzte verstehen sich als Begleiter der Menschen auf allen Ebenen und werden dem Eid des Hippokrates wieder gerecht, den Kranken wirklich nützlich zu sein. 

 

 

 

Anmerkung: Die erste Veröffentlichung erfolgte 2017 in der Zeitschrift Natur&Heilen in stark gekürzter Form.

 

Salutogenese - Das Geheimnis der Gesundheit

von Dr.med. Elisabeth Höppel, August 2018

Zu allen Zeiten lag den Menschen das Thema Gesundheit sehr am Herzen. Kaum etwas wünschen wir uns mehr, vor allem je älter wir werden. Oftmals schätzen wir sie aber erst dann, wenn wir sie verloren haben. Der Philosoph Arthur Schopenhauer drückte es so aus: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Bei zunehmenden zivilisationsbedingten Schäden und chronischen Krankheiten trotz hochtechnisierter Medizin scheint Gesundheit immer schwieriger zu erreichen sein. Vielleicht hat sie deswegen auch als Wirtschaftsmarkt mit den höchsten Wachstumsraten enorme Bedeutung erlangt. 

Doch was heißt Gesundheit genau und wie kann man sie definieren? 

 

 

Lesen Sie hier mehr:

Borreliose - Auf den Spuren einer rätselhaften Krankheit

von Dr.med. Elisabeth Höppel, Juni 2018

Die Borreliose umgibt etwas Mysteriöses: Sie schleicht sich oft unbemerkt in den Körper ein. Dort führt sie zu den unterschiedlichsten unspezifischen Symptomen, so dass sie oft lange nicht erkannt wird. Sogar bis ins zentrale Nervensystem kann sie vordringen und von dort aus psychische sowie neurologische Beschwerden auslösen. Nicht selten überwältigt sie ihre Opfer in Form von Schüben und raubt ihnen dann plötzlich die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen. Lesen Sie hier, wie Sie dieses unsichere Gelände der Borreliose am besten durchwandern.

Gefürchtet …

Fremde Lebewesen dringen heimlich in den Körper ein, breiten sich ungehemmt aus und entziehen sich durch ihre spezielle Intelligenz allen Versuchen, sie zu eliminieren. Was erst einmal klingt wie ein erfolgreicher Science-Fiction-Thriller, ist leider Realität. 

 

Per „Taxi“ in den Körper

Borrelia burgdorferi, große, schraubenförmige Bakterien aus der Gruppe der Spirochäten ähneln stark dem Syphilis-Erreger Treponema pallidum. Zu uns gelangen sie durch tierische Vektoren, sozusagen per Taxi – am häufigsten durch Zecken. Diese Überlebenskünstler halten es jahrelang ohne Nahrung aus und warten, von Gebüsch und hohem Gras abgestreift zu werden. Ein Stechrüssel mit Sägezähnen verhilft ihnen zur Blut-Mahlzeit, die Tage dauern kann. Bevorzugt werden warme, feuchte Regionen mit dünnerer Haut, wie Achseln, Leisten und Kniekehlen. Durch ein Betäubungsmittel im Speichel bleibt der Stich unbemerkt. Nach mehreren Stunden fängt die Zecke an, ihren Darminhalt in die Wunde zu erbrechen und überträgt so die Borrelien. Mittlerweile fanden sich Hinweise, dass eine Ansteckung auch durch Stechmücken, den Speichel von Tieren, über Geschlechtsverkehr und im Mutterleib erfolgen kann.

 

Nicht jede Zecke trägt die Keime, und wahrscheinlich verhindert in 99% das Immunsystem trotz Übertragung eine Ausbreitung. Durch die Vielzahl der Stiche gibt es aber doch sehr viele Erkrankungen – nach AIDS gilt die Borreliose als die sich am meisten ausbreitende Infektions-krankheit. Und die Dunkelziffer ist sicher hoch, da sie oft nicht erkannt wird.

 

Die Erreger

Als Oberbegriff spricht man vom B.burgdorferi sensu lato (‘im weiteren Sinne’) und entdeckt immer weitere Subtypen: B.burgdorferi sensu stricto (‘im engeren Sinne’) – vor allem in den USA beheimatet -, B.garinii – mit Affinität zum zentralen Nervensystem -, B.afzelii – vorwiegend im Schwarzwald und durch Mücken übertragen, B.japonica und noch viele andere. Interessant ist, dass Wildtiere sie zwar beherbergen, aber im Gegensatz zu Haustieren offenbar nicht erkranken.

Man spricht auch von Lyme-Krankheit. In der amerikanischen Kleinstadt führten 1975 gehäufte Gelenkentzündungen zur Entdeckung des Erregers. Ähnlich wie die Syphilis kann sie viele Organe befallen, von einer möglichen Hauterscheinung in die Tiefe wandern und chronisch in Schüben verlaufen mit langen Phasen trügerischer Ruhe. Daher sind Therapieerfolge oft schwer zu beurteilen. Trotz intensiver Forschung ist die Krankheit nach wie vor rätselhaft.

 

Von „schleichender Gefahr“ liest man und „heimtückischer Krankheit“. Dazu passend hat auch die Diagnostik ihre Tücken. Es gibt weder verläßliche Labortests noch Immunität. Man kann jederzeit wieder erkranken. Die Symptome treten oft mit Verzögerung auf und zeigen sehr viele Gesichter. Aus Angst lassen sich viele gegen die extrem seltene, auch von Zecken übertragene FSME (Frühsommer-Meningo-Encephalitis) impfen. Das macht gar keinen Sinn, weil es eine völlig andere Erkrankung ist. Und die Impfung kann durch eine Schwächung des Immunsystems eine Borreliose sogar verschlechtern.

 

Schwierige Diagnose

Antikörper im Blut werden frühestens nach 3 bis 8 Wochen gebildet. Die Routine sieht zuerst einen einfachen ELISA-Suchtest vor – mit wenig Aussagekraft. Erst bei positivem oder unklarem Befund folgt das Western-Blot-Verfahren, das vielleicht auch den Zeitpunkt des Erregerkontakts eingrenzt. 

Speziallabors versuchen, den Erreger aus Gewebeproben zu züchten oder über die PCR (Polymerase-Kettenreaktion) Borrelien-DNA in Hautproben oder Punktaten zu finden – beides aufwendig, störanfällig und selten durchgeführt. Zur Beurteilung der Krankheitsaktivität setzen manche auf den umstrittenen LTT (Lymphozyten-Transformationstest), der bereits nach 10 Tagen auf eine Infektion hinweisen kann. Der VCS (Visual contrast sensibility) oder Graustufen-Test wird zur Verlaufskontrolle der Toxin-Ausleitung angegeben.

 

Es gibt sehr viele Meinungen. Die kleinen Spiralen sind Meister der Täuschung. Sie narren das Immunsystem und spotten sozusagen jeder Beschreibung. Hier zeigt sich klar die Begrenztheit von Laborwerten. Dennoch wird hartnäckig an deren „Absolutheit“ festgehalten. Internationale „Experten“ bezeichneten die chronische Borreliose sogar als erfundene Krankheit, wenn zwar verdächtige Symptome bestehen, sich aber kein Erreger nachweisen lässt.

Mehr Licht ins Dunkel kann die Phasenkontrast- oder Dunkelfeld-Mikroskopie eines frischen Blutstropfens bringen, um die Erreger direkt zu sehen. Diese früher sehr etablierte Methode ist etwas in Vergessenheit geraten und gilt meist als „exotisches“ Heilpraktiker-Verfahren. 

Mittlerweile fand man zahlreiche, zum Teil noch weniger erforschte Co-Infektionen durch „Reisegefährten“ der Borrelien wie z.B. Ehrlichiose, Babesiose, Rickettsiose und Anaplasmose.

 

Hunderte von Symptomen

Die Verschleierungstaktik prägt auch die Symptome – es gibt Hunderte und kaum klare. Die Borrelien, die offenbar  wie ein Ameisenvolk über ein Schwarm-Bewusstsein kommunizieren können, entziehen sich den Schubladen der Medizin. Eine Einteilung in drei Stadien hat man wieder verworfen und spricht vorsichtig von einer Früh- und Spät-Phase. 

 

Die verräterische Wanderröte (Erythema migrans) als erstes Zeichen kann nach Tagen, Wochen oder Monaten auftreten und bleibt in der Mehrzahl der Fälle ganz aus. Typisch ist ein sich vergrößernder roter Fleck, der im Zentrum abblaßt und mit einem randbetonten Ring nach außen wandert. Es gibt Verwechslungen mit Hautpilz und Mückenstichen. Sowohl die Hautreaktion als auch anfängliche grippeähnliche Allgemeinbeschwerden zeigen einen intensiven Abwehrkampf. Wenn der erfolglos ist, breiten sich die Erreger über Blut, Lymphe und Gewebe aus. Blau-rote Lymphozytome vor allem an Ohrläppchen, Brustwarzen und Hodensack und eine Gelenkschwellung mit Erguss, meist des Knies gelten als verdächtig.

 

Eine Streuung führt zu wandernden rheumatischen Beschwerden, Sehnen- und Schleimbeutel-Entzündungen, Gesichtsnerven-Lähmungen, Kopfschmerzen, Herzsymptomen und unzähligen weiteren Beschwerden. Bei einem Befall des Nervensystems, auch Bannwarth-Syndrom genannt, können schmerzhaften Entzündungen großer Nerven und Lähmungserscheinungen auftreten – oft verwechselt mit Bandscheiben-Erkrankungen. Eine Polyneuropathie zeigt eine Beteiligung der kleinen Nerven.

 

Bei einer Neuroborreliose sind neben Störungen der Denkleistung auch gravierende psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen, Ängste, Zwänge bis hin zu psychotischen Symptomen möglich – auch hier wieder die Parallelen zur Syphilis. Die Veränderungen im Gehirn können anderen neurologischen Erkrankungen wie der multiplen Sklerose ähneln.

Als Spätphase-Zeichen gilt die Akrodermatitis chronica atrophicans (ACA) – entzündliche blaurote Schwellungen und Knoten enden in einer papierdünnen und durchsichtigen Haut.

 

Gestaltwandler

Borrelien sind Überlebens- und Verwandlungskünstler. Im aktiven Zustand schlängeln sie sich in einer flink rotierenden Spiralform. Bei Nährstoffmangel können sie auch ganz oder teilweise kugelige Ruheformen annehmen. Forscher haben nachgewiesen, wie sie in Zellen eindringen und sich dort verstecken. Sie töten den Zellkern und maskieren sich mit der Hülle. Jemand verglich sie mit der Mafia: sich tarnen, schnell zuschlagen und wieder abtauchen… Eine weitere „Tarnkappe“ ist der Biofilm, die Ausbildung einer schleimartigen Schutzschicht. So tricksen sie das Immunsystem aus und entziehen sich den Antibiotika. Trotzdem bestreitet man nach wie vor die Existenz einer persistierenden Borreliose und führt fortschreitende Symptome auf eine Autoimmun-Erkrankung zurück.

 

 

Sind Antibiotika die Rettung?

Bei der Therapie ist man sich in einem einig: Antibiotika in der Frühphase gelten als unabdingbar. Für andere erfolgreiche Behandlungen gibt es nur kleine Fallzahlen, da die wenigsten Patienten und auch Therapeuten es wagen, sich diesem Postulat zu entziehen und einen alternativen Weg zu beschreiten. Oft greift man sogar vorsorglich gleich nach einem Zecken-Stich zur Antibiose. Mit der Angst wächst das Bedürfnis nach Absicherung. Jedoch kann das über eine Schwächung des Immunsystems auch genau das Gegenteil bewirken.

 

Wenn man sich näher mit diesen schlauen kleinen Wesen beschäftigt, erscheint einem die Idee, allein mit Antibiotika dauerhaft etwas ausrichten zu können, eher naiv. Egal ob es nun der übliche Weg ist mit Doxycyclin für zwei Wochen oder der heroische Versuch mit einer Hochdosis-Langzeit-Antibiose von umstrittenen „Borrelien-Spezialärzten“. 

 

Starke Polarisierungen

Rund um die Borreliose läßt sich ein interessantes Phänomen beobachten, nämlich starke Polarisierungen. Die Bandbreite reicht von absoluter Verharmlosung – das Ärzteblatt bezeichnete sie als „effizient zu therapierende Erkrankung mit guter Prognose“, die auch ohne Antibiose häufig ausheile – bis hin zum Begriff der Pandemie und „Seuche des 21.Jahrhunderts“. Der Jargon ist recht kriegerisch – man liest von Frontenbildung, Grabenkämpfen und einem tobenden Zecken-Krieg. Das kann Folge der Unsicherheit sein – wo viel Angst da viel Wut – oder auch ein Merkmal

dieser Erkrankung. So wie bei Krebs häufig Schuldgefühle auftreten, zeigt sich hier eine Täter-

Opfer-Dynamik. Das ruft dann „militante Retter“, auf den Plan, die vor allem recht haben wollen. Und wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der Dritte – nämlich die Borrelien…

 

Die allopathische Medizin behandelt über das Gegenteil-Prinzip und kennt nur die Antibiose. Über deren Wirksamkeit und richtige Anwendung finden sich viele widersprüchliche Meinungen. Ein Doktorand testete die vier gängigsten Antibiotika im Labor direkt an den Bakterien mit einem niederschmetternden Ergebnis: Ausgerechnet das verbreitete Doxycyclin schnitt am schlechtesten ab. Es scheint sogar die Bildung von Bio-Film und Dauerformen zu fördern. Und das Mittel, das am besten bei den Neuroborrelien wirken würde, schafft es nicht in den Liquor, den Flüssigkeitsraum von Gehirn und Rückenmark.

 

Was der „gesunde Menschenverstand“ schon vermuten lässt, konnten Forscher der Tulane University nachweisen: die Bakterien tolerieren die Antibiotika. Alle für 28 Tage behandelten Probanden wiesen nach 7-12 Monaten noch einen gewissen Infektionsgrad auf. Trotz negativer Testergebnisse fanden sich Lyme-Bakterien in den Organen. Es zeigte sich, dass die Immunantwort der Patienten unabhängig von der Behandlung stark variiert.

 

Wieder einmal das „Milieu“ am wichtigsten

So scheint es also nicht zu gehen. Der berühmte Mikrobiologe Louis Pasteur kam zu dem Schluß „Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles“. Und gleichzeitig wollen diese schlauen Bakterien natürlich ernst genommen werden. Doch die alleinige Ansicht, dass feindliche Keime hereinkommen und durch Mittel von außen bekämpft werden müssen, ist fragwürdig. „Gut“ und „böse“ scheint auch nicht so eindeutig. Viele Mikroben tragen wir schon seit Geburt im Körper, und sie können in Abhängigkeit vom Nährboden potentiell zu Parasiten werden. 

Eine deutsche Firma entwickelt seit Jahren nach der Forschungsarbeit von Prof. Enderlein Präparate aus niederen Entwicklungsformen von Erregern, die das innere Terrain wieder harmonisieren sollen. Das Prinzip der Isopathie beschrieb schon Hippokrates als ‘Heilung durch Stoffe, die von derselben Krankheit geliefert werden’. Bestimmte Mittel bewähren sich bei der Borreliose.

 

Spektrum anderer Therapien

Eine sehr radikale Maßnahme im breiten Spektrum der schulmedizinisch nicht anerkannten Therapien ist die Hyperthermie unter Narkose, analog dem Satz von Pramenides „Gebt mir ein Fieber, und ich heile jede Krankheit“. Man spricht davon, die Keime „auszubrennen“ – so wie beim Krebs die bösartigen Zellen. Vielleicht ist der wichtigere Effekt, dass ein lahmgelegtes Immunsystem wieder „anspringt“ und in die Kraft kommt.

Was es nämlich tatsächlich braucht, sind aktive Fresszellen, eine starke Abwehr. Selbst der

friedliebendste Mensch benötigt diese Killerzellen zum Überleben. Harmonie meint nicht, alles bleibt heil geht gut aus sondern eher einen Einklang mit den Naturgesetzen, die wir heute immer weniger verstehen. In einer Art „Allmachtswahn“, denken wir sogar, uns darüber hinwegsetzen zu können. In diesen kleinen Eindringlingen finden wir hier unseren Meister.

 

Eine wichtige Säule ist Entgiftung und Entsäuerung zur Verbesserung des Stoffwechsels und Ausleitung der Toxine. Sehr radikal wirkt hier das Rizol, eine Mischung aus mehreren Ölen. 

Zum Einsatz kommen auch sekundäre Pflanzenstoffe, z.B. Algen. Als besonders hilfreich gilt die Kardenwurzel-Urtinktur. Enzyme können die Borrelien demaskieren. Eine Besonderheit in der Enzymtherapie sind Schlangen- und Spinnengift-Reintoxine.

 

Die Homöopathie arbeitet mit dem Ähnlichkeitsprinzip und findet oft ein gutes Ansprechen auf Aurum arsenicosum. Interessant ist der Wesenskern dieses Mittels: hohes Leistungs-/Erfolgsideal (Aurum) und Kontrollzwang aus einer tiefen Angst heraus (Arsen) – darüber später noch mehr. 

Nervenschmerzen können sehr massiv sein – hier kann homöopathisches Cannabis helfen (die Wirkstoffe der Hanfpflanze sind auch immunstärkend). Eine Konstitutionsbehandlung fördert die Selbstheilung. 

 

Besonders tief bis in die systemische Ebene wirken die wenig bekannten Lanthanide mit großem Bezug zum Immunsystem. Die Grundthemen Bedürfnis nach Autonomie und Individualität passen sehr gut, um gesunde Anteile, Abgrenzkraft und Selbstregulation zu fördern. Zu nennen sind vor allem Lutetium mit den Themen List und Täuschung und Thulium mit einer starken Gut-Böse-/Opfer-Täter-Polarisierung. Letzteres zeigt insofern auch bei AIDS und Krebs enorme Wirkungen.

 

Individuelle Therapie statt „Kochrezepte“

Es braucht eine individuelle Therapie, nicht nur „Kochrezepte“. Um dem Prozeß dieser „Gestaltwandler-Krankheit“ mit der nötigen Flexibilität folgen zu können, ist ein Testverfahren fast unverzichtbar. Applied Kinesiology bietet z.B. bewährte Möglichkeiten, den Körper über einen neuromuskulären Funktionstest zu fragen, was er braucht. Nicht nur für die Antibiose gilt: was für den einen gut ist, kann dem anderen sogar schaden. Und auch der Zeitpunkt muss stimmen.

 

Borrelien-Nosoden geben frühe Hinweise auf eine Infektion und die Aktivität des Geschehens, da akute Zustände eher mit niedrigen Potenzen einen normalen Muskeltest zeigen und Rest-Belastungen eher mit hohen. Unterstützt von Mitteln für das Lymphsystem helfen sie gleichzeitig bei der Ausleitung. So gehen Diagnostik und Therapie Hand in Hand. Und natürlich gibt es auch hier keine 100%ige Sicherheit.

Die langen Generationszeiten der Keime fordern eine langdauernde Behandlung, weit über eine Symptom-Freiheit hinaus – im Gegensatz zu unserer Gewohnheit, Medizin nur als kurzzeitiges „Reparaturinstrument“ einzusetzen.

 

Ganzheitliche Betrachtung

Die Psycho-Neuro-Immunologie zeigt klar, wie Stress das Immunsystem schwächt. Getrennt von der Natur und uns selbst leben wir heute im Dauerstress. Die Herangehensweise an Krankheiten ist geprägt von den biologischen Programmierungen Wut und Angst, Kampf und Flucht: sie mit Tests identifizieren, dann bekämpfen und möglichst schnell loswerden. 

Eine Erkrankung, die uns schon bei der Diagnostik so an der Nase herumführt, bedarf kreativerer Ansätze und eines neuen Bewusstseins ohne Trennung von Körper und Seele. Eine ganzheitliche Medizin fragt vor allem, was dem Menschen fehlt, dass er genau jetzt so erkrankt ist, wieso er zum Opfer von Blutsaugern und Parasiten wird und wo es vielleicht „hin geht“.

Eine vielschichtige Therapie, die nicht nur passiv erfolgt, sondern den Patienten aktiv und verantwortlich mit einbezieht, an der eigenen Heilung mitzuwirken, erhöht die Chancen. Besonders wertvoll für Erkrankte ist, wieder in Kontakt zu kommen mit der eigenen Intuition, dem „Bauchgefühl“, was sich stimmig anfühlt. 

 

„Krankheit als Weg“

Schwer an Borreliose Erkrankte waren oft sehr aktiv und leistungsorientiert mit viel Bedürfnis nach Kontrolle und Unabhängigkeit – passend zu dem erwähnten Aurum arsenicosum. Genau das wird durch die Krankheit aufgebrochen. Nun ist nichts mehr im Griff. Alte Überzeugungen und Strategien fruchten nicht mehr und erweisen sich sogar als schädlich. Da kommt es natürlich zu einer Krise. Es braucht Zeit, bis sich etwas Neues entwickeln kann, eine andere Lebensweise, ein fürsorglicherer Umgang mit sich selber oder die Erkenntnis, dass man „Stärke“ verwechselt hat mit gutem Funktionieren. Häufig werden Betroffene mit dieser schwer greifbaren Erkrankung nicht ernst genommen und als Hypochonder abgestempelt. Sie können hier lernen, sich selber treu zu bleiben, klarere Grenzen zu ziehen und mehr zu unterscheiden, welche Beziehungen gut tun – also eine gesunde Wutkraft auf allen Ebenen zu entwickeln. Und Trauer braucht es, wenn etwas zu verabschieden und loszulassen ist. Gelebte Gefühle stärken nachweislich das Immunsystem.

 

Systemische Arbeit als Schlüssel

Für die wichtige Frage, worum es bei der Erkrankung geht, ist vor allem die Aufstellungsarbeit hilfreich. Menschen mit ungelösten Traumata – individuell oder systemisch – haben typischerweise einen gut funktionierenden Überlebensanteil, der vielleicht andere Überlebenskünstler anzieht und mit ihnen in Resonanz geht. Das fängt manchmal schon bei Kindern an, weil sie die verdrängten (Trauma-)Anteile ihrer Eltern übernehmen und Gefahr laufen, sich zu verstricken. Um der Krankheit diesen Nährboden zu entziehen, muss man nach dem System schauen,  

 

Bei einer lebensverändernden Erkrankung geht es auch um den Umgang mit Einschränkungen, Beschwerden und Rückschlägen, um die praktische Alltagsbewältigung. Die unberechenbaren Schübe und Schwankungen, wo einen der Körper im Stich zu lassen scheint, können Ängste und Selbstzweifel auslösen. Der Therapeut ist hier gefordert, mit viel Sensibilität und Geduld einen tragfähigen Boden für ein Miteinander zu schaffen. Das gelingt eher, wenn er sich nicht als Helfer betrachtet, der unbedingt etwas erreichen muss, sondern als empathischen Begleiter, der selber daraus lernt. 

 

Die Geheimnisse der Natur

Die Laien-Forscherin Nadine Bukowski, die ihren eigenen Heilungsweg aus der Krankheit fand, studierte diese mysteriösen Keime eingehend im Dunkelfeld und sagt: „Je mehr ich über die Borrelien weiß, desto weniger weiß ich. Und die behaupten, dass sie viel wissen, wissen am wenigsten“.

 

In mir wächst immer mehr die Ehrfurcht vor den Geheimnissen der Natur, sowohl dem großen Kosmos da draußen als auch dem Mikrokosmos in uns, und ich bin dankbar, daran teilhaben zu können.

 

Anmerkung:

Die erste Veröffentlichung erfolgte in der Ausgabe 215/2018 derZeitschrift Raum&Zeit.

 

Rheuma - Zerstörung aus Not

von Dr.med. Elisabeth Höppel, November 2019

Wieso greift ein offensichtlich verwirrtes Immunsystem auf einmal ausgerechnet die Gelenke an und lässt sie sich „krümmen“? Was für grausamer Akt der Selbstzerstörung schreit hier nach Aufmerksamkeit? Die Autoimmun-Erkrankung Rheuma verursacht Schmerz, Steifigkeit und harte Knoten. Sie betrifft oft übergewissenhafte Menschen, die nach außen freundlich und positiv wirken, sich innerlich jedoch selbst zerfleischen. Die Sprache des Körpers zeigt den Weg: Sie fordert dazu auf, sich vom Schmerz öffnen zu lassen und herauszufinden, warum man so hart und starr werden musste.

Das gehört zum Schlimmsten, wenn wir unsere Mobilität verlieren, wenn unsere selbstbestimmte Bewegungs- und Handlungsfähigkeit einschränkt wird. Schon die Vorstellung erzeugt Angstgefühle. Natürlich wissen wir, dass es im Alter geschehen kann, immobil und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Auch das wünscht sich keiner. Doch wenn es schon in jungen Jahren passiert, wo andere noch aktiv und beweglich sind …? Wenn Selbstverständliches, wie zu gehen oder etwas zu greifen, schmerzhaft und schwierig, vielleicht sogar unmöglich werden? Daher ist Rheuma eine gefürchtete Erkrankung.

 

Was ist Rheuma?
Der Volksmund verwendet den Begriff weit und nennt viele orthopädische Beschwerden so, gerade wenn sie wetterabhängig sind. Tatsächlich gibt es auch bei der Arthrose („Gelenkverschleiß“) entzündliche Schübe. Das altgriechische Wort Rheuma („fließen“) weist darauf hin, dass Gelenke so etwas wie einen Schnupfen haben können. Auch die chinesische Medizin (TCM) beschäftigt sich viel mit äußeren Auslösern wie Wind, Kälte und Nässe. 

 

In der Schulmedizin fallen unter den Oberbegriff „rheumatischer Formenkreis“ Hunderte verschiedener Krankheitsbilder. Neben Raritäten lassen sich viele auch heute noch nicht eindeutig einer Diagnose zuordnen. Die Symptome sind vielfältig und variabel. 

Als häufigste Erkrankung gilt die chronische Polyarthritis (cP) oder rheumatoide Arthritis (rA), um die es hier geht. Der Begriff Arthritis heißt übersetzt Gelenkentzündung und „poly“ viele – im Gegensatz zur Monarthritis, die nur ein Gelenk betrifft, wie z.B. bei der Gicht. 

 

Entzündungen haben viele Ursachen. Als sinnvolle Abwehrreaktion des Körpers auf innere oder äußere Reize (z.B. Keime, Druck, Fremdkörper, Strahlen) sorgen sie dafür, etwas zu klären und zu heilen. Rötung, Schwellung und Hitze zeigen, dass das Immunsystem kräftig arbeitet. Die Auseinandersetzung stärkt es – so wie ein Boxer sich durch Übungskämpfe für den großen Einsatz rüstet. Insofern brauchen wir ab und zu akute Infekte, auch zur Reinigung. Leider wird das heute viel zu schnell durch Medikamente im Keim erstickt. So darf es nicht wundern, wenn Immun-Erkrankungen sehr zunehmen.

 

Ein verwirrtes Immunsystem wird hyperaktiv
Es gibt zwei Möglichkeiten einer Störung der überlebenswichtigen Abwehr: sie macht zu wenig oder zu viel. Bei zu wenig Auseinandersetzung betrifft die Stufe 1 das Außen: dann fängt man sich jeden Erreger ein und wird damit nicht gut fertig, so dass z.B. die Pilzerkrankung oder die Borreliose chronisch wird. Wenn die Immunzellen im Innen ihre Aufgabe nicht erfüllen, wird es problematischer: aus ein paar schlechten Zellen kann ein zerstörerisches Karzinom werden. 

 

Immer häufiger zeigt sich heute das zu viel – passend zu unserer hyperaktiven Gesellschaft von „schneller, weiter, höher“. Die Stufe 1 ist die noch eher harmlose Allergie, wo die offenbar verwirrten Abwehrkräfte im Außen z.B. mit Pollen oder Nahrungsmitteln kämpfen. Wenn es hier nach innen geht, wird es wieder schlimmer: statt fremder werden eigene Zellen angegriffen. Zu diesen Autoimmun- oder Autoaggressions-Krankheiten gehört die rA. Sie verläuft sehr unterschiedlich – von milden Schüben bis hin zur seltenen irreparablen Gelenkzerstörung in kürzester Zeit.

 

Egal ob das Immunsystem die Destruktion des Körpers durch Passivität zulässt wie beim Krebs oder sie durch Überaktivität veranlasst – bei einer Störung der Stufe 2 läuten die Alarmglocken ganz laut. Etwas duldet keinen Aufschub mehr.

Wie die Schulmedizin nur für eine Eindämmung zu sorgen, kann dem nicht gerecht werden und sogar das Gegenteil bewirken. Die Abwehr pendelt von einem Extrem ins andere. Aus den Infekten wird die Allergie, dann kommt die Autoimmun-Erkrankung dazu und wenn nun das Immunsystem unterdrückt wird, taucht der Krebs auf. Die Frage muss daher unbedingt auch lauten: Was ist hier los, dass der Organismus solche drastischen Hilferufe sendet? 

 

Der Krebs geht von einem bestimmten Organ aus und breitet sich dann manchmal sehr global aus. Autoaggressions-Krankheiten zerstören gezielt nur einen Teilbereich, z.B. beim Diabetes die Insulin-Zellen oder beim M.Hashimoto die Schilddrüse. Bei der rA ist es teils weniger begrenzt – neben dem Bewegungsapparat kann sie innere Organe, Gefäße und Augen betreffen.

 

Sie tritt bei ca.1% der Bevölkerung eher im mittleren als höheren Alter auf, seltener auch bei Kindern. Neben familiären Häufungen erkranken Frauen 2-3mal mehr. Hinweise auf einen Bezug zum Hormonsystem ergeben sich aus einem oft schwächeren Verlauf in der Schwangerschaft und der Wirkung von Cortison, das zu den körpereigenen Stresshormonen gehört. Auch Erreger verdächtigt man als Auslöser. Nicht offiziell bestätigt, aber in Betracht gezogen werden muss, dass Impfungen an Autoimmun-Krankheiten beteiligt sind. Vermutlich führen mehrere Faktoren dazu, dass ein überfordertes Immunsystem das richtige Maß nicht mehr findet und endgültig durcheinander gerät.

 

Schubweiser Verlauf an Händen und Füßen
Am häufigsten geht es um Hände u.d Füße, v.a. Grund- und Mittelgelenke der Finger und Zehen, aber auch die aus vielen kleinen Knochen bestehende Hand- und Fußwurzel. Der Befall ist meist symmetrisch. Große Gelenke wie Schulter, Ellenbogen, Hüft-, Knie- und Sprunggelenk können ebenfalls betroffen sein. Ein fehlgeleitetes Immunsystem erzeugt schubweise Entzündungen im Weichteilgewebe, die später auch den Knochen zerstören. 

Als typische Symptome gelten Schmerz, Schwellung, Überwärmung und Steifigkeit (meist morgens). Die Diagnostik ist oft schwierig. Die rA verläuft selten wie im Lehrbuch. Sowohl erhöhte Entzündungswerte wie BSG und CRP als auch eine Anämie im Labor sind unspezifisch, der Rheumafaktor findet sich nur in 80% erhöht. Als aussagekräftig gelten APCA oder CCP-Antikörper im Blut. In Ultraschall und MRT zeigen sich entzündliche Weichteilveränderungen und Gelenkergüsse, das Röntgenbild ist am Anfang meist unauffällig.

 

Die „Geschütze“ der Schulmedizin
Die schulmedizinische Therapie kann die rA nicht heilen. Neben schmerzstillenden Medikamente und Steroiden (Cortison) greift man aus Angst vor Versäumnis schnell zu sog. Basistherapeutika wie MTX – in höherer Dosis auch zur Chemotherapie eingesetzt –, um die Krankheitsaktivität zu modifizieren. „Biologika“ blockieren Botenstoffe der Entzündung, die neuen Kinase-Hemmer arbeiten auf der Zellebene. Die Empfehlungen wechseln häufig. Alle haben starke Nebenwirkungen – je neuer das Mittel, desto geringer die Erfahrung. Folgeerkrankungen und reduzierte Lebenserwartung sind der Preis. Die Chance für eine Remission, d.h. ein Stop mit gewisser Regeneration, liegt bei 30 bis 50%.

 

Es ist sicher kein Zufall, wo eine Autoimmun-Erkrankung auftritt. Die Gelenke verbinden die Knochen und sorgen sowohl für Beweglichkeit als auch Stabilität. Damit treten wir in Verbindung mit der Außenwelt. Das lateinische Wort ist „articulatio“ – vor allem mit den Händen artikulieren wir unser Inneres und unsere Kreativität. Die Füße ermöglichen einen sicheren Stand und ein Hineingehen in die Welt. Es geht also um elementare Themen von Selbstausdruck und Beziehung.

 

Der Körper als Übersetzer
Christian Morgenstern hat gesagt: „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.“ Ich ergänze hier gerne „… und Fühlbare“. 

An eine Einschränkung der Funktion kann man sich vielleicht noch gewöhnen, doch Schmerz? Der zermürbt und lässt oft keinen Raum mehr für anderes. Als natürliches Signal, aktiv zu werden, um den Körper zu schützen – z.B. Hand weg von heißer Herdplatte oder sich um eine Verletzung kümmern – hält er den Organismus auf Alarm. Kinder und höher entwickelte Tiere bringen ihn auf natürliche Weise entlastend zum Ausdruck. Wir Erwachsenen halten die Luft an und beißen die Zähne zusammen. Die Kontraktion sorgt natürlich kaum für Besserung. Vor einigen Jahren konnte ich das bei starken Zahnschmerzen am eigenen Leib wahrnehmen. Zum Glück hatte ich die Eingebung, zuzulassen, was sie offensichtlich mit mir vorhatten – nämlich mein Festhalten aufzubrechen. Es war nicht nur eine innere Erleichterung, mir zu gestatten zu weinen und zu schreien wie ein Kind. Zu meiner Überraschung verschwanden sie nach wenigen Sekunden. Das funktioniert sicher nicht als Kochrezept, doch weist es darauf hin, sich nicht nur zu fragen, wo die Krankheit her kommt sondern auch, wo sie mit einem hin will. Schmerz klopft uns weich, bricht Verhärtungen auf.

 

Starre und Härte

Und die sind ein weiteres Symptom bei der rA. Den harten Rheumaknoten im Außen entspricht häufig auch eine Härte im Inneren. Rheumatiker sind oft „gnadenlos perfekt“ und erlauben sich keine Fehler. Silicea, ein wichtiges homöopathisches Mittel bei Entzündungen hat als Merkmal „Angst vor Fehlern“. Die bedrohliche Angst selbst wird meist gar nicht wahrgenommen. Man versucht krampfhaft, alles „richtig“ zu machen, um sie nicht zu spüren. 

Auch eine Überaktivität soll das Fühlen verhindern. Bei der Allergie hält man „etwas“ nicht mehr aus, bei der Autoimmun-Krankheit „sich selber“ bzw. Teile von sich. Man ist wie ständig auf der Flucht. Th. Dethlefsen sagte über Rheumatiker: “Es sind aktive … und unruhige Menschen, über die die Polyarthritis so lange ihre Starre und Steifigkeit verhängt, bis die Krüppelhaftigkeit sie zur endgültigen Ruhe zwingt.” 

 

Es gibt gute Gründe dafür, dass ein Mensch so starr und zwanghaft werden und solche Mauern bauen musste. Am häufigsten sind Trauma-Erfahrungen – Situationen, in denen das Nervensystem durch Abspaltung geschützt wurde. Meist liegen sie in der besonders sensiblen frühen Kindheit. Weil das vor der Entwicklung des Verstandes war, fehlt hier die mentale Erinnerung, doch der Körper speichert es ab. Mit hochauflösenden MRT-Untersuchungen stellte man fest, dass psychisches Trauma sichtbare Veränderungen im Gehirn hinterläßt. Der sog. Überlebensanteil, hat oft eine große Härte und Rigidität, denn es geht ja vermeintlich immer noch um höchste Gefahr.

 

Der fehlende Fluss
Die daraus folgende reduzierte geistig-seelische Beweglichkeit passt zum Symptom der – morgens verstärkten – Steifigkeit. Beschwerden, die in und gleich nach der Nacht auftreten, zeigen, dass es nicht um mechanische Probleme geht (wo es sich bei Bewegung und Belastung verschlimmert). Laut chinesischer Organuhr sind nachts vor allem Entgiftungsorgane aktiv, danach ab 3 Uhr Lunge und dann Dickdarm – beides Organe für Ausscheidung und Trennung, Sauerstoff von CO2, Nährstoffe von Abfall. Auf der emotionalen Ebene gehört zu diesem Funktionskreis die Trauer. Der Lungenmeridian endet im Daumen. Deshalb lutschen Kinder genau daran zum Trost.

 

Die Nacht gehört auch dem Unbewussten, der inneren Verarbeitung, den Träumen als Schlüssel zu unseren eigenen Tiefen. Menschen mit schweren Erkrankungen wie die rA sind von deren Erinnerung oft abgeschnitten. Dann fehlt auch hier der reinigende Fluß.

 

Unterbrochene Hinbewegung traumatisiert

Der Körper repräsentiert über Krankheiten einen verdrängten Anteil, der integriert werden möchte. Gehäuft findet sich eine Trennungserfahrung von der Mutter, auch unterbrochene Hinbewegung oder Bindungstrauma genannt. In der frühen Kindheit löst das Todesängste aus, da man sehr mit ihr verbunden und ohne sie nicht überlebensfähig ist. Die Trennung kann sowohl auf der äußeren Ebene stattfinden als auch ein fortgesetztes inneres Erleben sein, weil die Mutter aufgrund ihres eigenen Traumas nicht präsent war.

Das zu überstehen, gelingt nur mit dem Abschneiden von Gefühlen. Und dann versucht das Kind meist instinktiv, möglichst lieb und problemlos zu sein. Es wird ein Meister der Anpassungsfähigkeit und gibt auch als Erwachsener diesen bewährten Schutzmechanismus nicht so leicht auf. 

 

Scham statt Wutkraft
Wut hat hier keinen Platz. Sie wäre zu gefährlich, weil sie häufig zu ablehnendem Verhalten der Mutter führte. In der TCM gehört sie zum Funktionskreis der Entgiftungsorgane Leber und Galle. Wenn man sich verbietet, „giftig“ zu sein, werden sie geschwächt. Der Körper vergiftet sich zunehmend selber, wiederum ein Teufelskreis. Ohne gesunde Wutkraft fehlt auch der Antrieb. Man landet bei innerer Depression und äußerer Kraftlosigkeit, einem weiteren Rheumasymptom.

Auch das Immunsystem, dem eine natürliche Aggression innewohnt, kann dann nicht frei arbeiten. Selbst der friedlichste Mensch braucht Killerzellen im Blut, um gesund zu bleiben. Die verdrängte Emotion geht außerdem nicht weg. Sie kocht im Unbewussten vor sich hin und sucht nach einem Ventil. Die Notlösung kann sein, sie gegen sich selber zu richten. Natürlich ist das Kind der Mutter böse und verbietet es sich zugleich, da es sie braucht und liebt. Es nimmt lieber die Schuld auf sich und sagt „Ich muss falsch sein, sonst würde sie das nicht tun.“ Als einziger Ausdruck für die Wut bleibt passive Aggression, die späte kindliche Rache, indem man es sich schlecht gehen lässt, um die Eltern zu bestrafen.

 

Abwehrmechanismen respektieren

Diese Themen tauchen häufig indirekt auch bei der Behandlung auf. Rheumatiker können sehr tapfer ihr Los ertragen und eine seltsam anmutende Positivität zeigen. Da sie gelernt haben, ihre wahren Gefühle zu verbergen, stimmen sie „brav“ allem zu und bleiben dann weg. Oft kommen sie erst gar nicht aus der Überzeugung, dass ihnen sowieso niemand hilft. Weil sie letztlich niemandem trauen, braucht es Zeit, Behutsamkeit und Achtung von Widerständen. Im sicheren Raum der therapeutischen Beziehung können Projektionen genutzt werden, um neues Verhalten zu wagen. Man muss sich im klaren sein, dass es neben der gedeckelten Wut enorm viel Schmerz und destruktive Scham gibt. Schuldgefühle zwingen dazu „gut“ zu sein und feindselige Impulse zu unterdrücken. Solange sich zu opfern und zu leiden der Sühne dienen, kann sich jemand kaum erlauben, gesund zu werden. Diese unbewussten Mechanismen zu durchschauen, sich auch Unvollkommenheiten und „dunkle Seiten“ zuzugestehen, hilft, den Teufelskreis der Selbstzerfleischung durchbrechen.

 

Ein lohnender Weg
Natürlich kann es bei jemandem auch ganz anders sein. Nur schnell nachzulesen, wofür eine Erkrankung steht, ist außerdem nicht dasselbe, wie sich wirklich auf sie einzulassen und es selbst herauszufinden.

Manche zeigen sich angesichts der Vielschichtigkeit entmutigt. Doch das gehört oft nur zum inneren Widerstand, der Veränderung verhindern will und dem Teil, der es aus Angst zu versagen erst gar nicht probieren mag. Wenn man sich gestattet, dort zu beginnen, wo man gerade ist, entfaltet sich der Weg Schritt für Schritt bis vielleicht zu dem bewegenden Moment, wo einem der Sinn des Ganzen dämmert. Sich dann auch die Trauer zu erlauben, dass es nicht anders ging als über diesen schmerzhaften, steinigen Pfad, kann mehr Frieden bringen und Türen zur Heilung öffnen. Trauer macht weich.

 

Da wir für unsere eigenen Themen meist blind sind, hilft es, Begleitung zu haben.
Es braucht die Schlüssel zum Unbewussten. Neben Träumen hat sie auch der Körper. Gestik und Mimik weisen oft auf Verborgenes hin – z.B. wenn jemand häufig lächelt beim Sprechen über die schlimme Krankheit. 

 

Am wertvollsten sind hier nach meiner Erfahrung systemische Aufstellungen. Sie helfen, psychische Themen und individuelles Trauma von systemischen Verstrickungen zu unterscheiden und Lösungen zu finden, die aus der Tiefe der eigenen Seele kommen. 

 

Leiden an fremder Last
Trauma kann auch von einer anderen Person aus der Familie übernommen werden, das sog. Systemtrauma. Die archaischen Kräfte aus dem Familiensystem sind sehr stark, komplett unbewusst und einer normalen Psychotherapie nicht zugänglich. Sie stammen aus der uralten Zeit der Sippen, wo Zugehörigkeit überlebenswichtig war. Das führt dazu, dass jemand aus Solidarität fremdes Leid wiederholt. Man nennt die Dynamik auch „Lieber ich als du.“ Ein eindrückliches Beispiel: eine Frau mit Rheuma, deren kleiner Bruder vor ihrer Geburt an einer schmerzhaften Krankheit starb. Sie konnte sein Schicksal nicht bei ihm lassen und sich ein gutes Leben erlauben.

 

Die Verwirrung des Immunsystems, das Eigenes und Fremdes nicht unterscheiden kann, passt zur Verstrickung, wo man sich mit jemand anderem identifiziert hat. Sich zu opfern, bringt auch hier einen Gewinn. Man besitzt eine wichtige Aufgabe und gehört dazu. Daher fällt es oft schwer, das aufzugeben. Wie B. Hellinger treffend sagte: „Leiden ist leichter als Lösen.“ 

 

Vielschichtige Therapie

Natürlich hätte man in einer schwierigen Lage  gerne den Ausweg, das sicher funktionierende Rezept. Leider gibt es das nicht. Ganzheitliche Medizin behandelt den Menschen, und der ist sehr komplex. Nicht jeder spricht z.B. gut auf Akupunktur an. Eine Studie fand heraus, dass das TCM-Kraut Tripterygium wilfordii ähnlich gut wirkt wie MTX –  aber natürlich nicht bei jedem. Und es bleibt ein Mysterium, wieso es beim einen genügt, wenn er die Ernährung umstellt und entgiftet, während beim anderen nichts zu klappen scheint, obwohl er auch ganz viel innere Arbeit macht. 

Die Therapie muss auf jeden Fall individuell sein. Bioenergetische Textverfahren wie die Applied Kinesiology helfen dabei sehr. Wichtige Säulen im physischen Bereich sind zum einen Entgiftung, zum anderen Klärung und Stärkung des Immunsystems. Es braucht wieder mehr Ordnung in der Verwirrung. Um die geht es vor allem auch in der systemischen Arbeit.

Zur „Königsdisziplin“ gehört auf jeden Fall die Homöopathie, die auf allen Ebenen wirkt und über das Resonanzprinzip die Eigenheilkraft stärkt. Einen besonderen Bezug zum Immunsystem haben die Lanthanide (seltene Erden). Ihre Wirkung geht bis hin zu den systemischen Themen. Ich verwende sie daher auch in Aufstellungen als Katalysator. Je tiefer die Therapie gehen kann, desto größer die Chancen – und es gibt keine Garantie. Manchmal gewinnt man nicht das, was man sich gewünscht hat, aber etwas anderes. Jede Krankheit ist eine einzigartige Reise und bringt uns näher zu uns selbst. 

 

Kollektive Zusammenhänge

Trotz aller Individualität sind wir Teil dieser Welt. Anstatt ihr Hüter zu sein, vernichten wir unser Ökosystem – und damit uns. Das entspricht genau dem Autoimmun-Geschehen. Wir meinen, die Erde beherrschen zu können. Sie scheint es mit sich geschehen zu lassen – so wie unterdrückende Medikamente beim Körper scheinbar wirken. Doch dann verkrüppelt die Seele, und etwas kann sich nicht entwickeln. Auch das ist schmerzhaft. Der schreckliche Anblick rheumatisch zerstörter Gelenke erinnert an Bilder von durch Fracking verwüsteter Erde. Uns von der Natur abzuschneiden, kostet einen Preis. Auch wenn wir das nicht so gerne wahrhaben wollen – wenn die Erde krank ist, können wir nicht vollständig gesund sein.

flower-5306860_1920

Warnsignal hoher Blutdruck – natürlich gut behandelbar

von Dr.med. Elisabeth Höppel, November 2016

Hoher Blutdruck zählt zu den „Volkskrankheiten“. Zunehmend und in immer jüngeren Jahren zu beobachten, stellt er die Schulmedizin vor ein Rätsel. Man fürchtet ihn als Ursache für die steigende Zahl von Todesfällen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Trotz Senkung mit einer Vielzahl von Medikamenten bleibt die Sterblichkeit weiterhin sehr hoch. Lesen Sie hier mehr über mögliche Ursachen, ganzheitliche Sichtweise und Therapiemöglichkeiten.

Der Blutdruck gehört zu den Vital-Funktionen, die uns am Leben erhalten. Der Druck, mit dem das Blut vom Herz in die Gefässe gepumpt wird, verhindert deren Zusammenfallen. Er sorgt dafür, dass der wichtige „Lebenssaft“ überall hinkommt. Um das zu sichern, werden ständig sowohl der Herzschlag, als auch die Spannung und Weite der Gefäße reguliert und angepasst. Es ist notwendig, dass der Blutdruck bei Anstrengung steigt. In Ruhe und vor allem nachts kommt es zur Absenkung. Je starrer die Gefäße mit dem Alter werden, desto höher muss der Druck sein. Auch hier gibt es individuelle Unterschiede. Was für den einen noch normal ist, verursacht dem anderen schon Probleme.

An der komplexen Regulation des Blutdrucks sind viele Faktoren beteiligt – Nervensystem, Hormone, Niere und Herz-Kreislauf-System. Die Steuerung erfolgt über eine feine Abstimmung zwischen den beiden Anteilen des vegetativen Nervensystems. Der Sympathikus wirkt wie ein Gaspedal, der Gegenspieler Parasympathikus wie eine Bremse.

 

Allgemeine Sichtweise in der Medizin

Hoher Blutdruck oder Hypertonie ist in Europa stark verbreitet und gilt als gefährlich. Auf die Dauer führt er zu Gefäßschäden. Man misst zwei Werte, den oberen systolischen und unteren diastolischen. Der erste entspricht der maximalen Druckwelle, wenn sich das Herz zusammenzieht, der zweite dem niedrigsten Druck in der Entspannungsphase, wenn sich das Herz wieder mit Blut füllt.

 

Die WHO macht folgende Einteilung:

systolisch diastolisch

optimal <120 und <80

 

normal 120-129 und/oder 80-84

 

hochnormal 130-139 und/oder 85-89

 

Hypertonie Grad 1 140-159 und/oder 90-99

 

Hypertonie Grad 2 160-179 und/oder 100-109

 

Hypertonie Grad 3 ≥180 und/oder ≥110

 

isolierte systolische  ≥140 und <90

Hypertonie

 

Ursachen

Fast 90% aller Fälle gelten als „primär“. Man sagt auch „essentielle Hypertonie“ oder „idiopathisch“. Das heißt in der Medizin „Ursache unbekannt“. Als Risikofaktoren gelten Übergewicht, Bewegungsmangel, hoher Salz- oder Alkoholkonsum, Rauchen, Stress und familiäre Belastung. Zunehmend bezieht man auch Umweltfaktoren wie Lärm ein.

Nur ca.10-15% sind „sekundär“, also Folge einer anderen Erkrankung. Hierzu gehören Verengungen der Nieren- und Hauptschlagader, seltene hormonwirksame Tumore, chronische Nierenkrankheiten, hormonelle Störungen (z.B. Schilddrüsenüberfunktion oder Erkrankungen der Nebenniere) und die Schlafapnoe. Auf einige Medikamente wie Pille und Kortison, aber auch Schmerz- und Rheumamittel kann der Körper mit einer Erhöhung des Blutdrucks reagieren.

 

Folgen im Körper

Das Herz muss sich mehr anstrengen, was auf die Dauer zu einer Herzschwäche führt. Die Gefäßwände verdicken sich. Bei zusätzlichen Ablagerungen kann es zu Gefäßverschluss mit Absterben des Gewebes kommen. Gefürchtet sind hier Herzinfarkt, Schlaganfall und die Verschlusskrankheit der Beine. Seltener führen Druckspitzen zum Riß in geschädigten Gefäßen mit z.B. einer Hirnblutung. Eine unzureichende Blutversorgung der Niere kann dieses wichtige Entgiftungs- und Ausscheidungsorgan bis hin zur Schrumpfniere schädigen. Bei den Augen sind vor allem die feinen Gefässe der Netzhaut sehr empfindlich. Hier drohen Sehstörungen bis hin zur Erblindung. Im Bereich des Gehirns kommt es offenbar vermehrt zur Demenz.

 

Symptome

Hochdruck wird auch als „stummer Killer des 21.Jahrhunderts“ bezeichnet. Hier könnte man meinen, dass man nichts merkt. Vor allem sensiblere Menschen spüren jedoch durchaus etwas. Die oft nur feinen Anzeichen wie Unruhe oder Müdigkeit sind aber leicht zu verdrängen. Am Anfang fühlt sich der hohe Blutdruck durch erhöhte Leistungsbereitschaft und Wachheit manchmal sogar positiv an. Später können sich Schwindelgefühl, vor allem morgendliche Kopfschmerzen, rotes und heißes Gesicht, Ohrensausen, Kurzatmigkeit, Sehstörungen und Übelkeit zeigen. Starke Symptome hat man bei einer Hockdruck-Krise mit akutem Anstieg der Werte auf über 180/120mm Hg, wie Zittern, Erbrechen, Nasenbluten, Taubheitsgefühl oder Enge in der Brust.

 

Konventionelle Therapie

Es kommen immer neue Medikamente zur Anwendung. Zu den „Klassikern“ gehören Beta-Blocker und Diuretika. Letztere senken den Druck über Entwässerung. Eine Studie zeigte, dass diese ältesten und kostengünstigsten Präparate besser wirken als viele neue. Allerdings fördern sie Nierensteine und stören den Mineralstoff-Haushalt, was wieder einen negativen Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System hat. Beta-Blocker hemmen die Wirkung von Adrenalin auf den Sympathikus. Sie vermindern Herzleistung und Pulsfrequenz und wirken wie eine Zwangsjacke auf das vegetative Nervensystem – als stünde man immer leicht auf der Bremse. Dadurch steigt der Energieverbrauch und die Eigenregulation wird blockiert. Ein weiterer Nachteil ist besonders für Asthmatiker eine Verengung der Bronchien.

Kalzium-Antagonisten blockieren in den Muskelzellen den Zustrom von Kalzium. So bleiben die Gefäße erweitert und der Druck niedrig. Es hat sich allerdings gezeigt, dass es gehäuft zu Herzinfarkten und Nachlassen der Herzleistung kommt.

ACE-Hemmer hemmen die Bildung eines Hormons, das die Gefäße verengt. Leider vermindern sie die Durchblutung der Niere und führen relativ oft zu hartnäckigem Reizhusten.

Häufig werden mehrere Präparate miteinander kombiniert.

 

In letzter Zeit stellte man fest, dass Medikamente bei Grad 1 keine Vorteile bietet. Vorher empfahl man sogar eine Behandlung „hochnormaler“ Werte. Insgesamt führt die Behandlung mit Tabletten wohl nur in 10% der Fälle zu normalen Werten. Der Blutdruck kann auch zu stark abgesenkt werden. Man zahlt also einen hohen Preis – viele Nebenwirkungen bei wenig Wirkung. Trotz aller Therapie liegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Statistik der Todesursachen über Jahre unverändert an der Spitze, weit vor dem Krebs.

 

Wie messe ich den Blutdruck richtig?

Der sogenannte „Weißkittel-Hochdruck“ ist sehr verbreitet. Die innere Spannung wegen der bevorstehende Messung führt bereits zu einer Erhöhung. Menschen, die zu hohem Blutdruck neigen, sind oft sensibel und reagieren stark auf äußere Einflüsse. Von daher sind Werte beim Arzt selten aussagekräftig. Auch 24-Stunden-Blutdruck-Messungen empfinden viele als irritierend. Um herauszufinden, ob es sich um einen

fixierten, also dauerhaft hohen und damit schädlichen Blutdruck handelt, sollte die Messung in Ruhe erfolgen – zum Beispiel gleich morgens im Bett nach dem Aufwachen vor jeder Aktivität.

 

Ganzheitliche Betrachtungsweise

In der Schulmedizin versucht man, die Erkrankung zu benennen und möglichst schnell ihre Symptome zum Verschwinden zu bringen. Die ganzheitliche Medizin behandelt den Menschen, nicht nur die Krankheit und fragt: Wieso ist ausgerechnet diese Person gerade jetzt und genau daran erkrankt? Was fehlt ihr, dass sie krank geworden ist? Sie versucht herauszufinden, was die Lebens- und Eigenheil-Kraft blockiert und unterstützt. Lediglich Symptome „wegzumachen“, verschiebt das Thema nur in einen anderen Bereich. Der Körper wird dann andere Signale senden.

 

Stress und Blutdruck

Der Forscher Hans Selye bezeichnete Stress als eine Reaktion des Organismus auf eine Anforderung. Sie läuft in bestimmten Phasen ab. Die erste Alarmreaktion mit Ausschüttung von Stresshormonen und Blutdruckanstieg ist bei Gefahr überlebenswichtig. Durch erhöhte Spannung der Gefäßwände und Pumpleistung des Herzens sowie reduziertes Schmerzempfinden werden wir vorbereitet, erfolgreich zu fliehen oder zu kämpfen. Im Tierreich können wir es beobachten: Ein Tier wird angegriffen und rennt um sein Leben. Wenn es entkommt, hat es oft noch ein paar Reaktionen wie Zittern oder Schütteln und grast dann wieder ruhig, als sei nichts gewesen.

 

Dieser sinnvolle Ablauf bis zur natürlichen Entspannung kann bei uns Menschen selten stattfinden. Wir leben heute oft in einer festgehaltenen Daueranspannung. Bei den äußeren Stressfaktoren sind neben Wetterwechsel, Lärm, unverträglichen Nahrungsmitteln und körperfremden Substanzen vor allem psychosoziale Themen zu nennen – Zeit- und Leistungsdruck, Beziehungsprobleme und Konflikte. Der Druck fängt häufig schon in der Grundschule an. Kinder reagieren hier oft mit Kopf- oder Bauchschmerzen.

 

Die meisten Stressoren entstehen innerlich und sind gar nicht real, sondern Bilder, negative Gedanken und Sorgen, die in unserem Kopf entstehen. Hier gibt es keine Möglichkeit für Kampf oder Flucht. Das Nervensystem bleibt aktiviert. Es entsteht eine Art Dampfkochtopf, der sich nicht entladen kann. Der Pegel der Stresshormone ist hoch, manchmal über Jahre hinweg, bis sich das Ganze erschöpft und Krankheiten auftreten. Das neue Gebiet der Psycho-Neuro-Immunologie hat entdeckt, dass nichts unser Immunsystem so stark schwächt wie Stress.

 

Zusammenhang mit Allergien

Der Organismus reguliert unablässig, um das Gleichgewicht zu erhalten. Wenn er jedoch ständig mehr Energie braucht, als zur Verfügung steht, ist er irgendwann überlastet. Allergie weist als Fehlreaktion des Immunsystems darauf hin. Bei Überforderung passieren leichter Fehler – hier in dem Sinne, dass Freund und Feind verwechselt und Harmloses bekämpft wird. Man sagt, dass Allergie auch bedeutet, „etwas nicht mehr aushalten zu können“. Ein ähnlicher Kampf mit sich selber findet beim hohen Blutdruck statt – nur dass hier die Reaktion mehr innen bleibt und geringere äußere Anzeichen auftreten.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten können sich sowohl mit typischen Zeichen wie Hautausschlag oder Durchfall als auch mit hohem Blutdruck zeigen. Wahrscheinlich sind es nur unterschiedliche Symptome derselben Stress-Krankheit.

 

Zusammenhang mit Hormonen

Die drei großen hormonellen Regelkreise – Schilddrüse, Geschlechtsorgane und Nebenniere – greifen wie Zahnräder ineinander. Stress betrifft zwar so primär die Nebenniere, die Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin produziert, letztlich aber immer auch das Ganze.

Hoher Blutdruck tritt oft mit den Wechseljahren auf. Hier bringt offenbar die zusätzliche „Umstellungs-Arbeit“ das System aus dem Gleichgewicht. Hormone haben wiederum einen großen Einfluss auf unsere psychische Befindlichkeit, was dann noch mehr Stress erzeugen kann. Die Steuerungszentren für Basisfunktionen und Hormonsystem liegen in der Nähe von entwicklungsgeschichtlich sehr alten Regionen unseres Gehirns, wo Emotionen wie Wut und Angst entstehen.

 

Zusammenhang mit Emotionen

Die Stressreaktion dient als Signal, dass unser Wohlbefinden bedroht ist und aktiviert die Urinstinkte. Damit wir rasch handeln, wird sie unterstützt durch Emotionen mit großer Dynamik. Wut bedeutet Kampf und Angst Flucht. Diese kommen viel schneller als die Signale aus den höher und später entwickelten Hirnregionen. Ein Ausagieren kann zwar oft verhindert werden, eine komplette Kontrolle ist jedoch weder möglich noch sinnvoll. Es

gibt eine Art von negativer Rückkopplung – je mehr Wut desto weniger Angst und umgekehrt. Diese Gefühle versetzen uns oft zurück in die frühe Kindheit, wo wir noch nicht so gut damit umgehen konnten. Überforderung, Angst vor Versagen und Hilflosigkeit, aber auch ohnmächtige Wut sind Anzeichen, dass wir den Kontakt mit unserem „erwachsenen Ich“ verloren haben.

 

Psychologie

Unsere Gesellschaft steckt voller Ängste. Die Medien schüren sie mit täglich neuen Schreckensmeldungen. Andererseits wird der Anspruch erzeugt, „cool und tough“ zu sein. Sensibilität, Furchtsamkeit, aber auch ausgelebter Zorn führen schon in der Kindheit häufig zu ablehnenden Reaktionen aus dem Umfeld. Oder wir haben unter cholerischen Bezugspersonen gelitten und wollen nicht so werden. So entsteht beim Versuch, das zu unterdrücken ein starkes inneres Spannungsfeld.

„Hypertoniker“ sind oft empfindsame Menschen, die sich schlecht abgrenzen können, viel nachdenken und leicht unter Druck geraten. Sie neigen zu emotionalem Stau und Verdrängung. Die Angst wird oft nicht bewusst. Viele sagen auf die Frage danach sofort „nein, habe ich nicht“. Unbewusste Angst vor Fehlern und Versagen kann dazu führen, dass man ehrgeizig und erfolgreich wird, dabei aber nicht glücklich ist.

Bei manchen hat Stress einen „Suchtfaktor“. Auf der Suche nach immer neuen Aktivitäten vermeiden sie Ruhephasen, um nicht in Kontakt mit dem Fühlen zu kommen. Solche Menschen nehmen oft keine Medikamente, weil sie die anregende Wirkung, den „Kick“ des hohen Blutdrucks vermindern.

 

Bei anderen ist das Verdrängen weniger stark. Sie neigen zu Grübeln, Zweifeln, Kontrollieren und Perfektionismus. Wenn Angst und Panik stärker an die Oberfläche kommen, erzeugt dies natürlicherweise einen Fluchtreflex, der aber vergeblich ist. Man kann nicht vor sich selber davonlaufen. Als Ablenkung beschäftigen sich viele dann stark mit den Krankheitssymptomen und geben ihnen die Schuld an ihrem Zustand, obwohl sie eher eine Folgereaktion sind. Angst und Hypertonie haben ganz ähnliche Symptome und verstärken sich gegenseitig.

Vermutlich ist der hohe Blutdruck keine eigene Erkrankung sondern ein Anzeichen der Angst-Stress-Krankheit unserer entfremdeten Zeit. Bei ursprünglichen Naturvölkern gab es ihn nicht.

 

Was hilft?

Selbstwahrnehmung

Wir haben verlernt, uns in unserer lebendigen Gesamtheit zu spüren. Den Körper nehmen wir häufig nur über Beschwerden oder Schmerzen wahr. In den Vordergrund unserer Wahrnehmung drängen sich meist Gedanken über Vergangenheit oder Zukunft. Oft sind sie kritisch oder sorgenvoll und drücken sich körperlich z.B. in Anspannung im Kiefer, hochgezogenen Schultern oder flacher festgehaltener Atmung aus.  

 

Das zu spüren, führt schon zu einer Entspannung. Bei einem Schreck atmen wir häufig ganz instinktiv tief aus, atmen sozusagen die Spannung weg.

Die Wahrnehmung des Atems ist ein wichtiger Schlüssel zu mehr Ruhe. Sie führt heraus aus dem zwanghaften Denken in den Moment. Zum Beispiel kann man beim Klingeln des Telefons erst einige bewusste Atemzüge tun und spüren, wie die Füsse den Boden berühren. Meditation und Übungen wie Yoga und QiGong vermindern die Spaltung zwischen Körper und Geist und verankern uns wieder mehr in uns selber. Sie sind daher nachweislich bei Stresskrankheiten sehr wirksam.

 

 

  • Fühlen lernen

Jede Aufregung braucht auch wieder eine „Abregung“. Kinder machen das noch ganz natürlich und werden oft geschimpft, weil sie zappelig sind. Wir Erwachsenen wippen allenfalls mit dem Bein und reißen uns sonst zusammen. Gefühle brauchen und finden mit ihrem natürlichen Ausdruck wie Weinen, Schreien, Zittern oder Lachen ein entlastendes „Ventil“.

Verdrängung führt zu Depression oder Angst (vor den Gefühlen) und bindet sehr viel Lebensenergie. Wenn ich lerne, meine Gefühle zu spüren und ihnen Raum zu geben, kann ich besser damit umgehen und entdecken, wie wichtig sie sind. Wut hilft, Grenzen zu setzen und aktiv etwas zu ändern. Angst tritt auf, wenn wir Neuland betreten, fördert so die Kreativität und ist sehr lebendig. Wenn sich die Energie der Gefühle in eigene Kraft umwandelt, wird das Leben spannender und entspannender zugleich.

 

  • Bewegung

Unser Körper braucht Bewegung. Durch Muskelarbeit werden alle Stoffwechsel-Vorgänge aktiviert. Es gibt viele kleine Möglichkeiten im Alltag, wie mit dem Rad zur Arbeit fahren oder die Treppe statt den Aufzug nehmen.

Sportliche „Kochrezepte“ wie „man sollte…“ sind oft wenig hilfreich. Nicht für jeden ist z.B. Joggen das Passende. Sich zu motivieren und auch dabei zu bleiben, geht leichter, wenn Freude dabei ist. Auch für „Sportmuffel“ gibt es Möglichkeiten – z.B. lange Spaziergänge in der Natur oder Tanzen.

Den größten Effekt hat leichte körperliche Betätigung. Empfohlen werden Ausdauersportarten mit gleichmäßigem Bewegungsablauf, wie Radfahren, Langlauf, Walken, Laufen. Krafttraining sollte nur mit ganz leichten Gewichten ohne Pressatmung erfolgen. Von leistungs- und wettkampforientierte Sportarten mit Spitzenbelastungen wird abgeraten. Ab einer Hypertonie Grad lässt man sich am besten erst einmal ärztlich untersuchen und beraten. Gleichzeitig ist es wichtig, der eigenen Kompetenz zu vertrauen. Bei achtsamem Umgang mit sich selber kann das jeder am besten für sich selbst herausfinden, was wohl tut und wo das richtige Maß und die Grenze zur Überanstrengung liegen.

 

Wie wirkt Bewegung? Die stärkere Durchblutung „putzt“ die Blutbahnen frei, entspannt sie und regt die Bildung von zusätzlichen kleinen Gefäßen an. Dadurch sinkt der Druck. Ausdauersport stimmt das vegetative Nervensystem um auf „niedrigere Drehzahlen“ und vermindert die Empfindlichkeit der Stressrezeptoren, vor allem am Herz. Regelmäßige Bewegung hilft, sich mehr zu spüren und Spannungen abzubauen. Das ist wohl der wichtigste Effekt. Denn durch die Stressreaktion stellt sich der Körper auf Muskelarbeit ein, um sich „abzureagieren“. Viele sagen: „Es tut gut, weil ich den Kopf frei bekomme“. Neurobiologisch lässt sich das nachweisen: Die Stresswahrnehmung findet in den vordersten, entwicklungsgeschichtlich sehr jungen Anteilen des Stirnhirns statt, wo die eintreffenden Reize verarbeitet werden. Bei Überflutung mit Informationen kommt es zu einem Stau, und wir geraten in Stress. Durch Sport verlagert sich die Aktivität in einen anderen Bereich des Gehirns, und die Situation im Frontalhirn entspannt sich. Außerdem kommt es zu einer vermehrten Bildung von Testosteron, das ein kraftvolles, zuversichtliches Lebensgefühl fördert. Der Rehabilitationsmediziner Prof. Hahlhuber drückte es so aus: „Lässige Langläufer leben länger lustig.“

 

Ernährung

Der negative Einfluss von Kochsalz (Natriumchlorid) wird überbewertet. Der Bedarf kann individuell sehr verschieden sein. 30% der Menschen gelten als salzempfindlich und profitieren von einer Reduktion. Natrium ist ein Gegenspieler vom positiv wirkenden und in Früchten, Gemüsen (vor allem Kartoffeln, Bananen, Avocados) und Vollkorn-Reis enthaltenen Kalium. Kochen setzt es aus den Zellen frei. Daher verwendet man das Kochwasser am besten weiter. Besonders kaliumreich ist eine Suppe aus lange gekochtem und im Sud püriertem Gemüse.

Kreativ Neues zu probieren, hilft auch beim Essen, das zu finden, womit man sich langfristig wohl fühlt. Ob etwas gut schmeckt, liegt mehr an Gewürzen und Zubereitung als an den Ausgangsprodukten. Bei einer passenden Ernährung wird sich Übergewicht von selbst mit der Zeit reduzieren.

 

Eine gute Basis ist die sog. leichte mediterrane Küche mit hochwertige Ölen, reich an Omega-3-Fettsäuren, mit reduziertem Fleisch- und Fischkonsum. Beim Fleisch sollte man die Herkunft bedenken. Schlechte Haltung und der Transport in die Schlachthäuser führt bei Tieren zu einem hohen Pegel an Stresshormonen, die wir wieder zu uns nehmen. Fische enthalten wegen der Verseuchung der Meere und Flüsse Giftstoffe.

 

Fertig-Nahrung meidet man besser, da sie den Körper mit zahlreichen künstlichen Stoffen belasten. Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau sind konventionellen vorzuziehen.Manche achten sehr auf die Gesundheit und sind trotzdem krank. Hier macht es mehr Sinn, „lockerer“ zu werden, sich mehr zu gönnen und zu genießen als immer strengere Diäten zu machen. Ständiges „Aufpassen“ erzeugt inneren Druck.

 

Naturheilkundliche Therapie

Im Warnsymptom Bluthochdruck liegt die Chance, die Lebensweise zu prüfen und gesundheitsfördernder zu gestalten. Die sog. Ordnungstherapie hilft, mehr Eigeninitiative zu übernehmen. Wichtige Fragen sind: Wie gehe ich mit mir und meinen Gefühlen um? Wie möchte ich mein Leben gestalten? Was macht mich zufrieden? Was stresst mich und erzeugt den meisten inneren Druck? Welche Zusatzbelastungen kann ich vermeiden? Medienkonsum verursacht z.B. oft viel innere Aufregung.

Mit ärztlicher Unterstützung finden sich neue Möglichkeiten, mit der Hektik und Reizüberflutung unserer Zeit besser umzugehen.

 

Entgiftung und Entschlackung

Entwässerung kann schonend über pflanzliche Substanzen wie Asparagus (Spargel), Goldrute, Schachtelhalm, Birke oder Hibiskus erfolgen. Ausschwemmung ist nicht nur deshalb wirksam, weil weniger Wasser weniger Druck bedeutet, sondern auch weil sie ausleitet. Umweltgifte und unverträgliche Nahrungsmittel führen zu „Anschoppung“ und Stau. Als Notmaßnahme werden die Schlacken abgelagert. Das Lymphsystem, die „Müllabfuhr des Gewebes“ ist oft heillos überfordert, und es braucht Entgiftung. Reinigend wirkt auch ein Aderlass, vor allem wenn eine Erhöhung von rotem Blutfarbstoff oder Eisenwerten eine Eindickung signalisiert.

 

Ein großes Thema sind Schwermetalle. Cadmium gelangt über den Kunstdünger in den Boden. Viele haben das bis in die 80er Jahre dem Benzin zugesetzte Blei eingeatmet und tragen es noch im Körper. Beim Quecksilber geht es vor allem um die Amalgamfüllungen. Wegen der Ablagerung im Gewebe und langen Halbwertszeit bleibt die Belastung, selbst wenn die Füllungen längst entfernt sind. Über den Blutaustausch der Plazenta und die Muttermilch wird es auch an Kinder weitergegeben. Schwermetalle können die Regulation so stark blockieren, dass sie erst nach einer Entgiftung wieder auf andere Therapien anspricht.

 

Homöopathie

…kann man symptombezogen akut einsetzen. Hier einige Beispiele:

Aconitum bei Angst und Unruhe; Arnica bei rotem Gesicht, Ohrensausen und Abneigung gegen eine Behandlung; Secale bei Kälte und Kribbeln der Extremitäten sowie migräneartigen Kopfschmerzen.

Längerfristig können folgende Arzneien wirken: Aurum metallicum bei erfolgsorientierten Menschen mit Neigung zur Depression; Barium jodatum bei Schwindel, Schlafstörungen und schlechtem Gedächtnis. Sulphur hat oft gute Effekte vermutlich durch Unterstützung der Entgiftung.

 

Eine Kombination von spagyrischen Mitteln (z. B. von Soluna oder Phylak) kann das vegetative Nervensystem beruhigen, den Herzmuskel stabilisieren, das System entkrampfen, entstauen und entspannen. Auch gegen Plaques an den Gefäßwänden gibt es entsprechende Mittel. Die spagyrischen Arzneien dienen allerdings nicht der Selbstbehandlung, sondern sollten auch wegen der Dosierung von einem Therapeuten individuell bestimmt werden.

Bei Frauen in den Wechseljahren kann Sepia mit seinen Grundthemen Angst vor Krankheit, schwierige Abgrenzung und Ehrgeiz manchmal durchschlagende Erfolge bringen.

 

Am meisten zu empfehlen ist eine Konstitutionsbehandlung durch einen erfahrenen Homöopathen mit der Frage: Was ist das für ein Mensch und welches Mittel passt im Wesenskern am besten zu ihm? Über das Resonanzprinzip wird hier die Eigenheilkraft am meisten gestärkt.

Wegen ihres Bezuges zur modernen Zeit mit tiefen Themen wie Autonomie und Selbstkontrolle sind die Lanthaniden (seltene Erden) von Jan Scholten oft sehr passend und können spektakuläre Wirkungen zeigen.

 

Pflanzenstoffe

An erster Stelle ist hier die Mistel zu nennen, das alte „Zauberkraut“, das den Blutdruck senkt , das Herz beruhigt, die Hormone reguliert und das Immunsystem stärkt. Sie wirkt über eine Aktivierung des Parasympathikus gefäßerweiternd. Man kann sie als Tee, als Urtinktur oder auch als niedrig potenziertes homöopathisches Mittel einnehmen.

 

Der Weißdorn stellt ebenfalls die Gefässe weiter und mindert den Druck. Man sagt, dass er „das alternde Herz pflegt“ und seine Leistung steigert.

Schlangenwurz (Rauwolfia) enthält den Wirkstoff Reserpin, der den Sympathikus hemmt und das zentrale Nervensystem beruhigt. Es ist rezeptpflichtig und in einigen bewährten  Kombinationspräparaten enthalten.

Ölbaum senkt neben dem Blutdruck auch den Cholesterinspiegel.

Melisse, Baldrian, Lavendel und Passionsblume wirken vor allem über eine Entspannung des vegetativen Nervensystems.

Der gewünschte Effekt tritt oft erst nach längerer kurmäßiger Anwendung ein.

 

Orthomolekulare Therapie

arbeitet über die Gabe von Mikro-Nährstoffen in erhöhter Konzentration. Das durch ihren Begründer Linus Pauling sehr bekannt gewordene Vitamin C hilft auch beim Bluthochdruck – ebenso wie die Aminosäure Arginin – und reduziert Ablagerungen in den Gefäßen. Hypertoniker haben oft einen verminderten Spiegel von Magnesium und einen Mangel an Coenzym Q10 (auch Ubichinon genannt), das wichtig ist für die Energieproduktion in den Zellen und den Herzmuskel stärkt.

Wie schon erwähnt, hat Kalium einen positiven Effekt. Es gibt bewährte Kombinationspräparate aus Magnesium und Kalium. Wichtig sind oft Vitamin B6 und vor allem B3, das cortison-ähnlich entzündungshemmend wirkt und auch das Cholesterin senkt.

Omega-3-Fettsäuren können auch in Form von Fischöl-Kapseln eingenommen werden. Generell sollte man auf hypoallergene Rezepturen achten, da sie unnötig belastende Zusatzstoffe vermeiden und besser aufgenommen werden können.

 

Craniosacrale Osteopathie – „Entspannung bis in die Knochen“

„Schlüsselstellen“ für unbewusste Spannung aus dem vegetativen Nervensystem sind oft die Schädelbasis, das Zwerchfell und der Beckenboden. Die Wirksamkeit ist beim Bluthochdruck vielfach bewiesen. Sie hilft, wieder mehr in Kontakt mit dem Potential und den gesunden Anteilen zu kommen. Ihr „Vater“ Andrew Still drückte das so aus: „Ein Arzt sollte sich damit beschäftigen, Gesundheit zu finden. Krankheit kann jeder finden.“

 

Akupunktur sorgt für Fluss und Ausgleich im Energiesystem und entspannt über Ausschüttung von Endorphinen. Auch hier gibt es sehr positive Erfahrungen, vor allem wenn für die Punktauswahl eine Diagnose nach der TCM gestellt wird. Hierzu braucht man eine genaue Befragung sowie Untersuchung von Puls und Zunge. Oft finden sich Hinweise für innere Hitze, einen Stau von Emotionen und eine gestörtes Zusammenspiel der Reinigungsorgane Leber, Milz und Niere.

 

Psychotherapie

Auslöser für offene oder versteckte Ängste können traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit sein. Hier ist oft der Zugang zu den Gefühlen als Schutzmechanismus stark blockiert. Situationen mit akuter Überlastung des Nervensystems ohne mögliche adäquate Reaktion gibt es viel häufiger als angenommen.

Man schätzt z.B., dass 50% aller Operationen traumatisch auf den Organismus wirken.

Körperorientierte Traumatherapie evtl. in Kombination mit systemischer Arbeit zur Ursachenforschung kann den Zustand der fortgesetzten Alarmreaktion beenden und den Blutdruck dauerhaft normalisieren.

 

Kombination von Therapie-Bausteinen

Es gibt analog dem Bild vom überlaufenden Fass immer mehrere Ursachen. Die Kunst ist, herauszufinden, was individuell am meisten belastet und unterstützt. Verschiedene Therapien können sinnvoll gezielt kombiniert werden.

Sowohl bei der Wahl der passenden Mittel als auch beim Auffinden von Störfaktoren und Nahrungsmittel-Allergien helfen Test-Verfahren wie Applied Kinesiology.

Je früher das Warnsignal Bluthochdruck vor allem beachtet und behandelt wird, desto größer sind die Chancen auf Heilung.

 

Nachtrag/Ergänzung aus dem Jahre 2019 zur Blutdrucksenkung im Alter:

75% der über 70-jährigen – und immer mehr jüngere Menschen – leiden an hohem Blutdruck. Wegen der möglichen bedrohlichen Folgeerkrankungen wird dieser medikamentös gesenkt. Obwohl sich gezeigt hat, dass das im Grenzwert-Bereich zwischen 150 und 160/90 mmHg keine Vorteile bietet, empfiehlt man nach wie vor, die Werte auf unter 150/90 mmHg einzustellen, teilweise ist sogar von unter 140/90 mmHg die Rede. Die Pharmaindustrie will natürlich ihre Umsätze bewahren.

Nun hat eine Beobachtungsstudie von 1600 Patienten älter als 80 Jahre gezeigt, dass das sogar gefährlich ist. Das Sterblichkeitsrisiko erwies sich hier als massiv erhöht (40%).

 

Fazit: Eine individuelle Therapie macht mehr Sinn als eine „nach Kochrezept“. Und der „gesunde Menschenverstand“ hilft einem oft weiter als allgemeine Empfehlungen. Mit zunehmendem Alter werden die Gefäßwände starrer und unelastischer. Physikalisch braucht es dann einen höheren Druck – man nennt es auch Windkessel- oder Elastizitäts-Hochdruck -, um die Durchblutung zu sichern. Schlaganfall und Herzinfarkt sind die Folge einer unzureichenden Blutversorgung. Blutungen durch Gefäßrisse gibt es wesentlich seltener.

 

Dr.med. Elisabeth Höppel

 

 

Der Artikel unterliegt dem Urheber-Recht und darf nicht ohne Einverständnis der Autorin verwendet werden.

Erstmals erschien er 2017 in der Zeitschrift Natur&Heilen (in stark gekürzter Form)

 

Keine Angst vor der Angst

von Dr.med. Elisabeth Höppel, Juli 2020

Ein sehr unbeliebtes Gefühl, das wir sonst gerne verdrängen oder verleugnen macht sich momentan so breit, dass es das Leben vieler dominiert. Schon vorher war es da, nur etwas versteckter und zeigte sich vor allem in den sog. (Angst-)Stresskrankheiten, wie z.B. hoher Blutdruck. Insofern eine gute Gelegenheit, sich dem doch einmal zu stellen, es näher zu beleuchten und zu verstehen. Wie alles hat es sowohl Licht – als auch Schattenseiten. Dann kann man vielleicht ein „Meister der Angst“ werden anstatt sich davon beherrschen zu lassen.

Viele gute Gründe dafür

Im Falle einer Pandemie tauchen natürlich zwei der Grundängste der Menschheit auf, nämlich die vor Krankheit und Tod, dem eigenen oder dem von Menschen, die einem lieb sind. Durch die herbeigeführten Umstände kommen weitere dazu – vor Jobverlust, wirtschaftlichem Ruin, den Auswirkungen auf die Kinder und der Zukunft allgemein. Andere haben Angst um die Demokratie, vor Zwangsmaßnahmen wie einer Impfung und anderen staatlichen Übergriffen. Gerade bei Kindern kann man auch eine spezielle „Gewissensangst“ beobachten, nämlich „schuld“ daran zu sein, wenn jemand krank wird, vielleicht den Keim übertragen zu haben. Auch die Politiker scheinen von Angst getrieben, ja keinen Fehler zu machen und überziehen vielleicht auch daher massiv die Maßnahmen. Trotz aller momentan zu beobachtenden Polarisierung verbindet also dieses Gefühl die Menschen gerade sehr.

 

Muss man die haben?

Egal wie viel man damit kämpft, sie taucht immer wieder auf – kein Wunder, denn sie gehört neben Freude, Trauer, Wut und Scham zu den Grundgefühlen der Menschen, die jeder kennt, egal welche Nation, welches Geschlecht oder welcher Bildungsgrad. Natürlich gibt es Personen, die sich und anderen einreden, sie nicht zu haben. Hier ist es wichtig, sich klar zu machen, dass das nur ein Wort, ein Überbegriff ist. Sie hat viele Facetten, z.B. Unsicherheit, sich Sorgen machen, Zweifel und Grübeln. Je mehr jemand „im Kopf“ ist und je weniger er Kontakt mit einem wirklichen Spüren hat, desto mehr zeigt sich das Ganze in ständigem Denkspiralen. Der Ausdruck „ich mache mir immer so viele Gedanken“ ist eine Umschreibung für Angst, die man auf diese Weise versucht zu kontrollieren.

Bei Menschen, die ihre Gefühle unterdrücken, was man bei stärkerer Ausprägung Depression nennt, bleibt oft als letzte Emotion Angst übrig – Angst vor dem Fühlen. Die Depression ist mittlerweile die häufigste Erkrankung bei uns, die sich häufig hinter einer Vielzahl von körperlichen Symptomen verbirgt.

 

Licht- und Schattenseiten …

Natürlich hat jedes Gefühl seinen Sinn und stellt eine Art von Werkzeug für ständig wechselnde Situationen im Leben dar. Wenn ich es passend nutze, kann sich das Nervensystem wieder entspannen. Angst tritt typischerweise in unbekannten Situationen auf, wo es wichtig ist, wach und kreativ zu sein, um neue Lösungen zu finden. Es wird sozusagen ein Alarm ausgelöst, um eine potentielle Gefahr zu checken und angemessen zu reagieren. Dann kann sich das Nervensystem wieder entspannen. Als Schattenseite fürchtet man die Lähmung, die Schockstarre – in der Prüfung oder bei einer Rede ein „großes schwarzes Loch im Kopf“. 

Wenn zu wenig Aufregung in unserem Leben ist, fühlen wir uns gelangweilt und suchen dann nach dem Kick, machen dann Bungee-Jumping, schauen Horrorfilme oder gaffen beim Unfall auf der Straße.

 

Was machen wir damit?

Weil sie eine Art eingebauten Fluchtreflex enthält, versuchen wir natürlich, sie ganz schnell wieder loszuwerden. Da gibt es verschiedene Strategien. Sie zu leugnen hilft nicht wirklich. Also probieren wir es meistens mit Vermeidung, indem wir z.B. nicht den Aufzug nehmen, weil er stecken bleiben könnte oder den Termin für das Vorstellungsgespräch wieder absagen. Ein anderes Wort dafür ist Kontrolle. Doch dadurch wird sie nicht weniger – im Gegenteil, das Vertrackte ist, dass sie dadurch sogar mehr wird, denn wir haben sozusagen Angst vor der Angst. Und dann geht es auch immer mehr in Richtung Lähmung.

Natürlich sind die Grenzen zwischen angemessener Vorsicht, Leichtsinn und übertriebener Kontrolle fließend und auch individuell unterschiedlich. Wenn ich z.B. nicht gut schwimmen kann, ist es gut, in tieferem Gewässer eine Schwimmhilfe zu verwenden – dann muss ich nicht auf das Vergnügen verzichten und achte auf mich.

Eine andere Strategie ist, etwas zum Festhalten zu suchen. Dann neigt man zu Schubladen-Denken und hält an Vertrautem fest – egal ob positiv oder negativ, z.B. an einer destruktiven Beziehung oder jetzt an den Sichtweisen der „offiziellen Stellen“ zu Corona, auch wenn sich längst gezeigt hat, dass sie sich irren und sich das eigentlich entspannen könnte. Es fehlt an Offenheit.

 

Wie fühlt sie sich an?

Das Wort kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet Enge. Typischerweise wird uns eng im Bereich von Brust und Kehle. Die Muskeln verkrampfen sich. Zittern zeigt den Versuch, das wieder zu lösen. Manchmal wird einem auch flau im Magen oder Bauch. Es tritt vermehrte Schweiß – z.B. der Angstschweiß auf der Stirn oder die berühmten feuchten Hände. Manche bekommen auch ein Schwindelgefühl, was dann wiederum noch mehr Unsicherheit auslöst. Schwindel wurde als Symptom einer Corona-Infektion angegeben – vermutlich ist das jedoch eher die Angst vor einer vermeintlich gefährlichen Krankheit.

 

Wie geht man am besten damit um?

Die beschriebenen körperlichen Erscheinungen sind zwar unangenehm, aber nicht bedrohlich. Als gesunder Erwachsener ist man in der Lage sie zuzulassen und zu fühlen. Dann wird man merken, dass das wie eine Welle kommt und dann wieder abebbt. Dabei zu atmen und den Boden zu spüren hilft meist sehr. Wenn jemand jedoch unverarbeitete traumatische Erfahrungen hat, geht das möglicherweise nicht so ohne weiteres. Dann braucht er/sie therapeutische Unterstützung und kann es dadurch wieder lernen.

Man muss sich klarmachen, dass der Großteil unserer Angst nicht real ist, sondern nur unserer Vorstellung entspringt. Ich kann bei Sonnenschein sicher im Garten sitzen und mich mit Gedanken an eine mögliche schlimme Krankheit in eine Panikattacke hinein manövrieren. Ein sogenannter Realitäts-Check und das Spüren des Körpers, der immer im Hier und Jetzt ist, helfen, hier wieder auszusteigen.

 

Was bedeutet Mut?

Wir meinen ja oft, Mut bedeute angstfrei zu sein. Doch das stimmt nicht. Mut heißt trotz Angst und zitternder Knie Schritt für Schritt weiter zu gehen und dadurch zu wachsen. Wenn ich nur auf Angstvermeidung aus bin, kann ich auch keinen echten Mut entwickeln. In unserer Kultur beobachtet man häufig so ein künstliches, sehr ungesundes „tough“ sein, weil sich fürchten als Schwäche gilt. Interessanterweise ist es in einigen asiatischen Kulturen anders: Hier haben die lauten, extrovertierten „Ellbogenmenschen“ ein schlechtes Ansehen, und die feinen, stillen, scheuen Typen werden viel mehr geschätzt. 

Viele von uns haben schmerzhafte Erfahrungen gemacht, wurden vielleicht ausgelacht oder abgewertet wegen ihrer Ängste. Kinder bekommen oft den Satz zu hören „da brauchst du doch keine Angst zu haben“, anstatt sich ihre Nöte verständnisvoll anzuhören und ihnen zu zeigen, dass auch Erwachsene das kennen.

 

Warum machen Menschen einander gerne Angst?

Die Presse ist zum großen Teil schon lange eine Art von „Angst-Erzeugungs-Maschine“ geworden. Eine Schreckensmeldung jagt die nächste. Und auch im individuellen Umgang scheint es ein beliebtes Spiel zu sein, den anderen mit Hiobsbotschaften zu erschrecken. Zu Anfang der Corona-Pandemie, als man allgemein noch nicht wußte, was da auf uns zukommt, war ein Paketbote bei mir, der kaum Deutsch sprach und es nicht so eilig wie sonst hatte. Er wollte mir unbedingt mitteilen, dass es ein paar Straßen einen Quarantäne-Fall gäbe, die Gefahr also bedrohlich nah sei. Als ich lachend die Schultern zuckte, war er sichtlich enttäuscht. 

Ich habe mich dann mit dieser Frage näher beschäftigt. Sicher gehört es zu den Urinstinkten und hat auch eine wohlmeinende Funktion, denn in alten Zeiten war es überlebenswichtig, einander vor Gefahr zu warnen. Es dient aber auch dem Erregen von Aufmerksamkeit. Viele Menschen sind heute sehr abgestumpft und in ihrer Gedankenwelt gefangen. Sie hören einander gar nicht mehr richtig zu. So eine alarmierende Botschaft macht sofort wach und interessiert. Vielleicht sorgt es auch für mehr Verbundenheit. Jemand hat Angst und möchte nicht alleine damit sein, also versucht er, sie zu verbreiten – was meist leicht gelingt, denn sie ist sehr „ansteckend“.

Zu den Schattenseiten gehört die Macht, der Missbrauch als Druckmittel. Die Medizin arbeitet sehr viel auf diese Weise, indem sie schon von Anfang an alle auch noch so seltenen Komplikationen heraufbeschwört: „Wenn Du diese Tabletten nicht nimmst, dann wird das ein schlimmes Ende nehmen…“. Jemanden in eine lähmende Angst zu versetzen, wo weder Vernunft noch Intuition mehr funktionieren, macht ihn gefügig und manipulierbar. Das haben totalitäre Regimes seit jeher benutzt, und auch jetzt in einer vermeintlichen Demokratie wird es gnadenlos eingesetzt.

 

Warum trotz aller Sicherheit so viel Angst?

Wir leben hier im Westen, was die äußeren Umstände anbelangt, in einer extrem sicheren Welt. Mehr geht definitiv nicht. Es gibt auch ein allgemeines Lebensrisiko. Und dennoch haben wir mehr Ängste denn je und sogar die absurde Idee, dass jetzt noch unsere Gesundheit garantiert werden muss. Das zeigt, wie das so nicht funktioniert. Es ist eben nur eine Schein-Sicherheit und kein echtes Gefühl von Gehalten-Sein. 

Man kann sich nun fragen, woher das kommt. Und ob das gut sein kann, wenn man die einzige wirkliche Gewissheit in unserem Leben so stark verdrängen – nämlich dass der Tod allgegenwärtig ist und jeder Mensch nur eine begrenzte Zeit hier sein darf. 

Wenn wir uns von der Natur und ihren natürlichen Zyklen und Gesetzen trennen, über sie dominieren wollen, dann kostet das einen Preis. Wir sind entwurzelt und werden zum Spielball unserer Ängste. Der Verstand, die Ratio hilft hier nicht weiter, im Gegenteil. Was fehlt, ist eine echte Anbindung an etwas Tieferes. Wir haben Spiritualität und religiöse Anbindung durch Wissenschaft ersetzt. Zu erkennen, dass Wissen begrenzt ist, macht dann große Angst. Das bringt die Corona-Krise jetzt deutlich zum Vorschein.

 

"Wenn wir die Natur auf das reduzieren, was wir verstanden haben,
sind wir nicht überlebensfähig."

Hans-Peter Dürr